Sonntag, 23. Oktober 2011

Wiener Wasser

Das Wiener Leitungswasser ist ja, wie bekannt ist, eines der grauslichsten auf der Welt. Schon die alten Römer erfanden das Aquädukt praktisch nur, um das Kastell Vindobona mit halbwegs genießbarem Wasser von weit her versorgen zu können, und selbst dann mussten sie tonnenweise Chlor reinschütten, damit sie sich nicht alle möglichen Krankheiten einfangen. Und seit dem Bau der Wiener Hochquellenwasserleitung 1873 geht sowieso alles den Bach runter, und man sollte das Wasser - was ebenfalls jeder Wiener schon als Kind lernt - sogar zum Zähneputzen am besten abkochen. Kurz gesagt: Die ganze Welt bemitleidet Wien ob der katastrophalen Wasserqualität, während die Stadt selbst sehnsüchtig auf das exzellente Leitungswasser anderer Metropolen wie etwa Los Angeles, Kalkutta oder Mexico City blickt.

Zum Glück wird für mich das inakzeptable Wiener Trinkwasser nie wieder ein Problem sein.
Wie der erfahrene Wiener weiß, gibt es in der Innenstadt ein Geschäft, das in allen Fragen zu schwer erhältlichen Lebensmitteln Abhilfe schafft. Das am Graben. Das mit dem Kind mit afrikanischem Migrationshintergrund und Fez als Wahrzeichen. Eh scho wissen. Dort war ich vor kurzem, um ein halbes Gramm meiner Lieblingsbutter um 150 Euro zu kaufen. Höchst enttäuscht musste ich feststellen, dass es nur die billige Butter-Variante um 39,90 Euro pro Kilo gab - Armeleuteessen für den Pöbel, das ich mir dann natürlich nicht kaufte. Aber die Wasserproblematik ist nun gelöst: In diesem tiptop ausgestatteten Supermarkt gibt es zirka 50 verschiedene in Flaschen abgefüllte Sorten Wasser, die den verzweifelten Wiener davor bewahren, sich selbst einen Brunnen graben zu müssen.

Wasser aus aller Welt steht dem Gourmet hier zur Verfügung: Zum Beispiel aus Südafrika (3,99 Euro pro Liter), oder - für den englischen Lord, wenn er aus dem Burgtheater kommt - britisches Wasser um 10,65 Euro/Liter, oder ein edles spanisches Tröpfchen, Literpreis 9,32 Euro. Wählen kann man weiters aus Besonderheiten wie Gletscherwasser aus Island (3,38 Euro/Liter und mit "rundem Geschmack"), oder "Chateldon 1650", das laut Flaschentext schon Ludwig der XIV. super fand, und für ein bisschen Sonnenkönigflair sind 9,32 Euro pro Liter wirklich nicht übertrieben.
Italienisches Wasser hingegen, das sieht man gleich an den Preisen, kann gar nichts. Sogar das "San Pellegrino" in der Designer-Edition von Bulgari kostet nur 1,99 Euro pro Liter. Wobei, das hat für seinen Schnäppchenpreis eigentlich einiges zu bieten: Neben "angenehm weichem Geschmack" enthält es laut Beschreibung vonseiten des Geschäfts "Spuren von natürlichem Uran und ist daher für Säuglingsnahrung nicht geeignet". Na Gott sei dank - ich wusste doch, dass da im Wiener Leitungswasser irgendein wichtiger Inhaltsstoff fehlt. Und so schädlich kann's in Säuglingsnahrung eigentlich auch nicht sein - welche Eltern sehen nicht gerne strahlende Gesichter bei ihrem Nachwuchs?
Auf der Suche nach japanischem Wasser in Fukushima-Edition wurde ich leider nicht fündig, Japan-Fans kommen aber trotzdem nicht zu kurz: dank dem japanischen Designer Issey Miyake, dessen Designerflasche für Evian jede Wohnung verschönert und mit 13,20 Euro pro Liter auch nicht annähernd so teuer ist wie, zum Beispiel jetzt, eine Stradivari oder ein Monet.

Mein Favorit, weil das Etikett mit bunten Blumen und Grünzeug so hübsch ausschaut und es mit nicht mal 4 Euro pro Liter auch gar nicht teuer ist, ist Wasser aus Fiji, das den "unverwechselbar, reinen und ursprünglichen Geschmack eines wertvollen Quellwassers" garantiert. Da ist zwar ein Beistrichfehler drin, aber immerhin kein Uran.

Doch schlussendlich landen wir doch wieder in der Heimat, und wir müssen uns mit unseren Wässerchen wahrlich nicht verstecken: Den internationalen Vergleich halten sie locker aus.
Im "Preblauer Sunshine", zum Beispiel, ist zwar auch kein Uran drin, dafür enthält es laut Beschreibung "LITHIUM, welches eine sehr positive Wirkung auf die Psyche hat und Stress mindernd wirkt". Das ist cool. Laut auf Wikipedia zitierten Forschungen wirkt sich "ein hoher Lithiumgehalt im Wasser positiv auf die Lebenserwartung aus". Das bedeutet also, wenn ich viel "Preblauer Sunshine" trinke, habe ich mehr Lebenszeit zum Bloggen.

Den höchsten Preis pro Liter zahlt man übrigens mit stolzen 17,90 Euro für das österreichischen Granderwasser. Das ist dafür dann, laut Grander-Website, "belebt". Na bam. Also mir ist es lieber, wenn in meinem Trinkwasser alles tot ist.

Das einzige Mal, dass ich Trinkwasser wirklich über längere Zeit in Flaschen gekauft habe, war in meinem ersten Jahr in Galway. Dass das Leitungswasser im Studentenheim sogar in Teeform wie ein Swimmingpool schmeckte, hätte ich ja noch taper ausgehalten. Als ich dann aber hörte, dass es in der ganzen Region kurz vorher einen Skandal mit bakterienverseuchtem Trinkwasser gegeben hatte und einige Monate Leitungswasser absolut tabu gewesen war, gab ich es auf und schleppte fortan Wasser in 5-Liter-Kanistern vom Supermarkt nach Hause. Krank war ich in Irland mit meinen Verkühlungen sowieso oft genug, da muss ich nicht unbedingt auch noch die Cholera haben.

Aber zurück nach Österreich. Was ich heute grundsätzlich sagen will: Ich finde es hundsmegaoberpeinlich, in einer Stadt wie Wien um 17 Euro pro Liter Trinkwasser von irgendwo zu kaufen. Und wenn es zehnmal aus Vulkangestein stammt, ein buntes Bild von Fiji auf der Flasche hat, oder rechtsdrehend ist oder linksdrehend oder den Donauwalzer tanzt - solange in Afrika kleine Kinder verhungern und auch in Europa nicht alle etwas zu essen haben, ist das w-i-r-k-l-i-c-h nicht notwendig. Und für alle, die am Graben Durst bekommen, haben die Wiener Wasserwerke ein paar Meter weiter vorne am Graben einen Wasserspender aufgestellt. Dafür braucht man keinen Wassersommelier - natürlich, den Beruf gibt's wirklich - und das Trinkwasser ist sogar ganz gratis.
Das sollte für jeden reichen. Ich hab euch nämlich vorher angeschwindelt: Dass das Wiener Wasser super ist, wussten schon die alten Römer.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Was bin ich?

Bis jetzt wollte ich es nicht wahrhaben.Ich hielt es für ein böses kulturelles Vorurteil, dass die Österreicher ganz narrisch nach Titeln sind. Wann immer mich eine meiner deutschen Mitbewohnerinnen in Irland damit aufzog, dass ich Universitätsdozenten generell immer mit "Professor" anreden wollte, weil ich das seit dem Gymnasium so gewohnt bin, dachte ich nur: Gestern hast du dich darüber lustig gemacht, dass wir "Polster" und "Kasten" und "Speibsackerl" statt "Kissen" und "Schrank" und "Kotztüte" sagen. "Titelversessenheit"? Nur ein weiterer Punkt in der Liste von Aussagen, die ich einfach nicht mehr ernst nehme.

Bis ich gestern online Karten für das Burgtheater kaufen wollte. Gescheitert bin ich dabei an der Online-Registrierung, oder besser: Ich bin dabei hängengeblieben, denn mir offenbarte sich im Registrierungsformular eine Faszination, die jeden Hamlet auf Russisch locker in den Schatten stellt. Nach Namen, Benutzernamen, Kennwort und einem Drop-Down-Menü, in dem man seine Anrede aus einem bunten Mix aus Herr, Frau, Mr., Mrs., Madame, Monsieur, Institution und Medium wählen konnte, folgte ein weiteres Drop-Down-Menü, betitelt mit "Titel".

Und wer nun eine klassische Auswahl mit Mag., Dr., Dipl.Ing. und vielleicht ganz modern sogar mit MA und Bakk. erwartet, der lese und staune. (Wer schwache Nerven hat, der höre hier auf zu lesen und kaufe seine Theaterkarten lieber an der Kasse und nicht im Internet.)

Das Menü beginnt mit einem blank space; das ist für die, die sich in Österreich in Grund und Boden schämen müssen, weil sie über keinen - nicht mal irgendeinen - Titel verfügen. Danach kommt der allseits bekannte und oft vergebene Titel 238, der mich (und Google) schon zu Beginn der Liste hoffnungslos überfordert hat. Die einzige Erklärung, die ich mir finden kann, ist, dass es sich um jenen Geheimcode handet, unter dem James Bond stets seine Theaterkarten reservieren lässt, weil 007 jetzt doch ein bisschen auffällig für geheime Missionen ist.
Etwas nachvollziehbarer geht es weiter mit Arch., dem folgt dann der ARCH. und der Architekt, weil dreifach hält besser. Ebenfalls ins Theater gehen Bgm., Botschafter, Botschaftsrätin, Bundesminister a.D., Bürgermeister, Chefarzt Dr. und DBAG (der mir auch nach längerer Lektoratstätigkeit nicht geläufig ist, obwohl ich da viel mit Titeln zu tun habe) sowie die Deutsche Telekom AG.
Telekom Austria scheint derzeit kein recht häufig beim Theaterbesuch geführter Titel zu sein, jedenfalls scheint er in der Liste nicht auf.
Dann kommen die eher faden: von Dipl.Arch. über Dipl.Dolm. bis Dipl.Öko. kann man alles sein, ist aber nicht halb so cool wie ein Dres. oder etwa Fraunhofer Institut. Neben Generalkonsul und Gouverneur Dr. sitzen dann auch Graf und Gräfin sowie Hofrat, HOFRAT, Hofrat Dipl.Ing. und Hofrat Dr.Mag. Der einfache Ing. muss sich da - gemeinsam mit dem ING., versteht sich - schon fast beschämt verstecken, wäre aber in der schillernden Gegenwart von Intendant, Kammersänger und Kantor ohnehin nicht weiter aufgefallen. Ja, wir sind noch immer bei der Titelauswahl, nicht bei der Personalliste der Staatsoper.
Nach den zahlreichen Formen der Kommerzialräte kommen dann Konsul und Konsul Dr. - selbstverständlich, es müssen ja zwei sein, das hatte auch schon im alten Rom so seine Ordnung. Nicht ganz im schmalen Drop-Down-Kasterl ausgehen tut sich der Landeselternverei-, und es bleibt auch der Fantasie des Österreichers überlassen, wie genau dieser Titel endet. Da wird sich sicher was finden lassen.
Danach eine schamlose Diskriminierung einer wichtigen österreichischen Bevölkerungsgruppe: Der Landeshauptmann fehlt in der Liste! Man kann sich nicht einmal darauf hinausreden, dass man auf diesen Berufsstand vergessen hat: Der Landeshauptmann-Stv. ist nämlich eingeladen. In hoher Gesellschaft finde ich nun auch meinen bescheidenen Titel: Gleich nach dem Lord steht der M.A. Ich denke, ich werde mich beim Ing. und beim ING. verkriechen und ihnen im Club der Minderbetitelten Gesellschaft leisten. Die ganzen Mag.s, die folgen, machen auch nicht besonders viel her, ebensowenig die MMag.s. An dieser Stelle möchte ich mich bitte beschweren: Vor kurzem habe ich mit einem Dr. MMMMag. gesprochen, dieser Titel scheint aber in der Liste nirgendwo auf. Sowas von ignorant, die Österreicher! Legen einfach keinen Wert darauf, dass jeder in allen Lebenssituationen mit dem ihm gebührenden Titel angesprochen wird. Soll sich dieser Dr. MMMMag. bei seinem nächsten Burgtheaterbesuch zum einfachen MMag. degradieren? Eine bodenlose Frechheit.

Ich bin ein bisschen versöhnt durch MPH, wobei ich doch bedauere, dass km/h nicht in die Liste durfte. Bei Oberamtsrat, Oberbürgermeisterin, Oberstleutnant d.Res. und Oberstudiendirektor ist die Welt wieder in Ordnung. Ebenfalls vorhanden sind Pastor, Pastorin, Pfarrer und - nein, Pfarrerin gibt es keine. Die Nachfrage nach dem Titel dürfte nicht hoch genug sein. Dafür darf der Pfr.i.R. ins Theater, ebenso Praxis, Prinz, Prof. und RAin.
Schleswig Holstein sitzt in trauter Eintracht mit dem SEKTIONSCHEF neben Senator h.c Dr.Dr., zur Sicherheit für Notfälle ist auch ein Tierarzt anwesend. Sehr großzügig wurde auch der Vizebürgermeister eingeladen, sonst hätte er wohl mit dem Landeshauptmann vor der Tür warten müssen. Von und x bringen das Angebot schließlich zu einem spektakulären Abschluss.

Insgesamt stehen dem theaterbegeisterten Österreicher und Nicht-Österreicher (Prinz, Lord etc. setzen das ja voraus), wenn ich mich nicht verzählt habe, 317 Titel zur Auswahl - diese Liste hier war demnach nur eine höchst unvollständige Auswahl der schönsten davon. Das Burgtheater hat 1175 Sitzplätze. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer Vorstellung das gesamte Titelkontingent ausgeschöpft wird...?

Mittwoch, 28. September 2011

Die richtige Technik

Die Wiener Volkshochschulen sind etwas Tolles. Ich war zwar noch nie auf einer, aber das Kursangebot alleine im Bereich Sprachen kann sich sehen lassen: Von Amharisch über Bretonisch bis Zazaki ist da alles dabei. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zwar Linguistik im Nebenfach studiert habe, zu letzterer Sprache jetzt aber doch Wikipedia konsultieren musste, weil ich davon in meinem Leben noch nie etwas gehört habe. Zapotekisch - klar, kenn ich. Zazaki - nein.

Die unglaubliche Artenvielfalt des Kursprogramms verlockt zum Stöbern, auch wenn man gar nicht vorhat, sich in diesem Semester sonderlich weiterzubilden. Und, da bald die Saison beginnt, wo ich von Stricknadeln und Wolle nur mit einer Tasse heißen Tees wegzulocken bin, blätterte ich aus Neugier durch das Kursangebot in der Sparte "Angewandte Kunst, Handwerk".

Dass "Socken stricken - einfacher als man glaubt" ist, weiß ich schon von meiner Urgroßmutter, derartige Kurse reißen mich also nicht gerade vom Stockerl. Ein Angebot hat mich aber nachhaltig beeindruckt: Zwischen eher kryptisch klingenden Kursen wie "Faszinierende Hohlkörper filzen" und "1 Paar Socken gleichzeit stricken", Kursen mit außergewöhnlich ansprechenden Alliterationen im Titel wie "Wärmender Wollkragen - ungemein wandelbar", mich an die lockige Haarpracht meiner Kindheit erinnernden Kursen ("Verfilztes Wochenende") und in ihrer Zielgruppe doch sehr eingeschränkten Kursen wie "Nähen für Fortgeschrittenen" (wer ist der Typ?) fand sich ein Seminar: "Bügeln für Männer". Eine Expertin - what else - wird da in zwei Stunden an einem Freitag Abend verzweifelten Junggesellen und Opfern von Halbe-Halbe das alte und seit Jahrhunderten von Mutter zu Tochter tradierte "Handwerk", ja, die "Angewandte Kunst", des Bügelns näherbringen.

Mitzubringen sind ein gewaschenes Hemd und eine gereinigte Hose. Einen entsprechenden Vorbereitungskurs "Waschmaschine leicht bedient", "Keine Angst vor Kluppen" oder "Es ist nicht so schlimm, wie Sie denken: Wählen Sie die Wäscheleine, nicht den Strick!" o.ä. gibt es allerdings nicht. Bügelbrett und sonstige Materialien werden von der VHS zur Verfügung gestellt. Schade. Ich würde es mir lustig vorstellen, freitags am Abend zur Rush Hours reihenweise bügelbretttragende Männer in den Öffis zu sehen und genau zu wissen: Ah, Volkshochschulkurs.

Ein bisschen vom Bildungssystem diskriminiert könnte ich mich jetzt doch fühlen, weil: Ich habe auch keine Ahnung, wie man ein Hemd faltenfrei in den Kasten bekommt, doch von diesem Bügel-Kurs bin ich als Frau ja explizit ausgeschlossen. Aber ich werde das ausnahmsweise noch einmal durchgehen lassen. (Fast) alle anderen Kurstitel waren ja wirklich brav gegendert, und wenn ich an einem Freitagabend mal mit dem Bügeln, Kochen, Waschen und Putzen fertig bin und nichts zu tun habe, kann ich noch immer meine handwerklichen "Ideen vom Restaurieren bis zum Regalbau in Holz umsetzen" - natürlich in der speziellen "Frauenwerkstatt" der VHS Margareten.

Dienstag, 27. September 2011

Irish Blog @ home

Wie ich gerade wieder in ein paar interessanten Blogs versumpft bin, habe ich mich zurückerinnert an mein eigenes, in dem ich nun doch schon seit über einem Jahr nicht mehr sehr aktiv war. Nach Abschluss meines Studiums - ja, jetzt bin ich Master of Arts, oder, damit meine Mutter auch happy ist, der obligatorische Genderwahnsinnsscherz: Mistress of Arts - und meiner Rückkehr nach Österreich schien es mir, als gäbe es nicht mehr viel zu diesem Blog hinzuzufügen, das ja immerhin den Titel "Irish Blog" trägt. Weder Wien noch der kleine niederösterreichische Ort, wo ich zurzeit als freie Journalistin arbeite, ist so wirklich die geeignete Ausgangsbasis, um über das Leben an der Westküste Europas zu berichten und dabei möglichst up-to-date zu sein.

Aber, wie mir gerade bei der Lektüre diverser Blogs bewusst geworden ist: Ich vermisse das mehr oder weniger regelmäßige Durch-den-Kakao-Ziehen des Alltagswahnsinns.Größere und kleinere Absurditäten, seltsame Funde aller Art im Netz und im Real Life, Dinge über die man sich furchtbar aufregen muss - all das macht nicht halb so viel Spaß, wenn man nicht darüber schreiben kann.

Und es ist ja nicht so, dass Österreich in diese Richtung nichts hergeben würde. Alleine zweimal in der Woche mit der ÖBB unterwegs zu sein würde eigentlich ein eigenes Blog rechtfertigen. Und die Arbeit als freie Journalistin kann auch sehr unterhaltsam sein. Und was einem im Lektorat einer Zeitung (da arbeite ich dank meiner hervorragenden Qualifikationen auch) oft so unter den Rotstift kommt, liefert eine solide Grundlage für Kabarett vom Feinsten oder einen mittleren Herzinfarkt bei Duden-Fans, die nicht wo wahnsinnig viel Humor haben. Oder eben für einen Irish Blog, der sich aus geografischen Gründen nach neuen Themengebieten umschauen muss.

In diesem Sinne werde ich diesen Blog nun offiziell umwidmen zum Blog einer jungen Akademikerin in Österreich, die neben der Arbeit als Journalistin auch nach Dienstschluss (wann auch immer das sein möge - vier Uhr Nachmittag oder fünf Uhr früh...) immer gerne noch ein bisschen weiterschreibt.

Dazu am Beginn noch einmal die Warnung: Es ist nichts böse gemeint. Von den vorher zitierten Hoppalas in der Zeitung stammt ein nicht unbeachtlicher Teil eh von mir selbst, und dass die ÖBBler im Winter mit dem Schneeräumen nicht immer nachkommen, verstehe ich auch.

Wenn ich mich über Irland lustig gemacht habe, dann stets nur unter dem Motto "Was sich liebt, das neckt sich". Und Österreich habe ich mindestens genauso gern.

Dienstag, 20. April 2010

Eyjafjallaichwillheim!!!

I couldn't leave Ireland if I tried. Nein, das ist keine romantische Liebeserklärung an diese grüne Insel voller Kelten und Feen, sondern eine knallharte Tatsache. Hart wie Vulkangestein. Wenn ich nicht ca. 4 Tage mit diversen das Gesicht grün färbenden Verkehrsmitteln durch Europa gondeln will, dann sitze ich hier mit rund 4 Millionen Iren auf einer Insel fest, drehe Däumchen, und starre in den gesperrten Luftraum hinauf. Der ist immerhin schön blau. Ach, die Ironie: Eine Aschewolke legt ganz Europa lahm, nur in Irland ist ausnahmsweise das Wetter schön, und kein Wölkchen am Himmel zu sehen.

Eigentlich habe ich mich ja schon sehr darauf gefreut, am Samstag für einige Wochen nach Hause zu fliegen. Ich meine...

Wenn es mir nicht mehr seltsam, sondern durchaus eine Überlegung wert erscheint, im April in den Atlantik zu hüpfen...

Wenn ich schon aufgrund des Wetters vorhersagen kann, ob und wo genau Bertie de Heron am Long Walk sitzt....

Wenn ich aufgrund von Bertie de Heron feststellen kann, wer Tourist und wer echter Galwayer ist... (Die Touristen sind die, die zu kreischen beginnen: "OMG!!! BirdbirdBIRD!!! Quick, get the camera before it flies away! Does it bite???", während die Anrainer die sind, die beim Vorbeigehen kurz die Hand zum Gruße heben: "Yo, Bertie, old bird. What's the craic.")

Wenn ich tatsächlich gesünder aus der Student Healt Unit komme, als ich hineingegangen bin... (Gut, ich habe der Ärztin genau buchstabiert, was sie mir bitte verschreiben soll, weil ich mich aufgrund früherer Erfahrungen diesmal schon vorher informiert habe, was ich habe und was ich dagegen brauche. Aber immerhin.)

Wenn es mir nicht mehr bedenklich vorkommt, dass es in der Früh im Badezimmer so kalt ist, dass mein Atem in kleinen Wölkchen aufsteigt...

... dann weiss ich, dass es höchste Zeit ist, dass ich wieder mal für einige Zeit aus diesem Land rauskomme.

Nun, mein Flug ist jetzt von der Laune eines aschespuckenden Berges und einigen Computersimulationen einer Wolke abhängig. Wenig Rücksicht hat der Vulkan übrigens auch auf die Organisatoren des Galwayer Literaturfestivals Cúirt genommen: Jeden Tag flattert eine neue Meldung auf facebook rein, dass international bekannte Autoren leider nicht wie geplant ihre Lesungen abhalten können, da sie irgendwo in Europa festhängen. Zum Beispiel Julian Gough, der eigentlich unser Special Guest für den Launch von ROPES sein hätte sollen, und den zu treffen ich mich schon sehr gefreut hatte.
Eine kleine Geschichte: Vor vielen, vielen Jahren, frisch maturiert, noch nicht studiert, fand ich, in einem Supermarkt im kleinen Städtchen X an der Y., ein Buch im Sonderangebot um ein paar Euro. Ein Buch von einem mir (und vermutlich dem Großteil der Welt) völlig unbekannten irischen Autor namens Julian Gough, über eine gewisse Juliet, die aus einem kleinen Städtchen nach Galway zieht, um dort Englisch zu studieren. Und aufgrund der Beschreibung des Universität (z.B. wurde ein Gebäude als "riesiges Energieverschwendungsexperiment" bezeichnet. Mein Lokalaugenschein hat gezeigt: Dieses Gebäude ist tatsächlich nicht mal wasserdicht, geschweige denn vernünftig isoliert.) und des Studentenlebens in Galway dachte ich damals schon: Ach, es muss toll sein, in Galway zu studieren. Das will ich auch mal, aber vermutlich komme ich dort nie hin.
Nun, viele Jahre später, Erasmus sei Dank, studiere ich hier sogar Englisch. Und war sehr begeistert, als ich hörte, dass der Autor jenes Buches, das mich zum ersten Mal auf die Idee "Galway!" gebracht hatte, bei unserem Launch anwesend sein würde. Aber - nein. Dank des Vulkans sitzt er in Berlin fest, und hat sogar den Launch seines eigenen neuen Buches heute verpasst.

Danke, Eyjafjallajökull.

Trotzdem beginne ich langsam ein gewisses Mitgefühl für den Vulkan zu entwickeln. Was der arme kleine Aschespucker in den letzten Tagen über sich ergehen lassen hat müssen! Ganz Europa verflucht und verwünscht ihn, hat kein Verständnis fuer seine Ziele, seine Wünsche, und erkennt seine Freiheit, Asche zu spucken, nicht an! Eine Auswahl an feindseligen facebook-Gruppen, die in den letzten Tagen wie Atomschwammerl aus dem Boden geschossen sind:

I hate the volcano Eyjafjallajökull !!
Eyjafjallajökull Volcano - What a Dick
F*ck you, Eyjafjallajokull!
Damn You Eyjafjallajökull Volcano
If Iceland cant control their volcano they shouldnt be allowed to keep one

Und, wie eine facebook-Gruppe seht treffend sagt: If you were called Eyjafjallajokull you'd blow off steam too.. Kein Wunder, dass nicht die Katla ausgebrochen ist. Das kann ja jeder aussprechen. Und wenn man sich dann als Berg noch anhören muss, was Fernsehjournalisten aus seinem Namen machen - da würde mir auch das Aschekotzen kommen. See Youtube.

Vielleicht ist meine trotz allem wachsende Sympathie für den bösen Vulkan, der uns hier auf der Insel festhält, ja auch nur das Anfangsstadium des Stockholm-Syndroms. Oder, für Fans von "Die Hard": des Helsinki-Syndroms. Oder, für Opfer des Eyjafjallajökull: des Reykjavik-Syndroms.

Donnerstag, 8. April 2010

...

Bertie de Heron hat auf facebook meine Freundschaftsanfrage angenommen! OMG! I'm friends with Bertie de Heron!!! *faints*

Montag, 29. März 2010

Eastershopping

Soeben habe ich auf der Website einer nicht näher genannten Zeitung einen Artikel zum Thema "Ostergeschenke für kleine und große Geldbörsen" gelesen. Schreck lass nach! Ich habe noch keine Ostergeschenke gekauft!
Nun bin ich wirklich nicht einer derer, die ständig schreien, alle Feiertage sind nur Erfindungen der bösen Geschäftsbesitzer, um uns alle noch mehr zum Konsum anzuregen (Valentinstag -> Erfindung der Blumenhändler, Weihnachten -> Erfindung der Spielzeughersteller, Nikolaus -> Erfindung der Mandarinenanbauer, Halloween -> Erfindung der Amerikaner, you get it). Zu sagen, Ostern haben die bösen Kapitalisten verschuldet, wäre dann vielleicht doch ein bisschen... ähm, übertrieben. Aber Ostergeschenke? Ernsthaft? Für große und kleine Geldbörsen? ... Also vielleicht "Lindthase" vs. "Billigsdorferhase vom Hofer"? Weit gefehlt: Glaseier in Pink, mit Körnern gefüllte Kissen mit Hasenmotiv, die neuesten Frühlingsparfüms, frühlingshafte und opulente Accessoires & Kosmetik von MAC in limitierter Auflage! (Lippglass um 17 Euro! Zu kleine Geldbörse für einen ordentlichen Korrekturleser?). Weiters: dekorative Osterhasen aus Glas (Deko für's ganze Jahr!), Schmuck mit elegantem Häschenmotiv und ein grüner Sessel um 1168 Euro (bei dem aufgrund seiner Farbe bzw. absoluten Hässlichkeit das Risiko besteht, dass er bei der großen Ostersesselsuche im Gras leider nicht entdeckt wird und in Folge im Garten vor sich hinmodert).

Sachen zum Verstecken? Nein, dabei könnten ja die teuren Ostergeschenke beschädigt werden. Lindthasen? Zu viele Kalorien. Eier zum Eierpecken? Nein, dazu hat das Geld nicht mehr gereicht. Wir müssen ja schon wieder für Weihnachten sparen.

Meine Damen und Herren, Sie belieben mich verarschen zu wollen...? Nein, wie es aussieht, bin ich einfach hoffnungslos un-up-to-date. Ostern ist mittlerweile ein Lifestyleevent!
Auch wenn ich mich damit unbeliebt mache, sämtliche Freunde verliere und von meiner Familie verstoßen werde: Von mir gibt's dieses Jahr, wie auch alle anderen zuvor und danach, keine "Ostergeschenke". Ich hab ja keinen Pecker.

Dienstag, 9. März 2010

Es regnet... nicht!

Irgendwo muss der Haken sein. So etwas gibt's nicht. Seit Tagen schon blinzeln die Iren misstrauisch ins Sonnenlicht, versuchen das Wetter für den kommenden Sommer aus dem Flug der Möwen am strahlend blauen Himmel vorherzusagen, und kommen immer mehr zur Überzeugung: Die Welt steht nicht mehr lang. Wir hatten nun schon mehr als eine Woche laues, freundliches Frühlingswetter, mit Sonnenschein und Vögelgezwitscher, und ohne Regen, Schnee, Schneeregen oder Nebel. Von solchen Wetterbedingungen - im März! - hat man in Irland bis jetzt noch nie gehört, ja, nicht einmal zu träumen gewagt. Irgendetwas kann einfach nicht stimmen. Ist es Blendwerk des Teufels? Göttliche Gerechtigkeit nach zwei verregneten Sommern? Globale Erwärmung? ...

Manchen ist es natürlich egal. Bertie de Vogel sitzt heute schon den ganzen Tag am Long Walk und sonnt sich im Blitzlicht der Fotoapparate. Für die Touristen zieht er auch eine ordentliche Show ab: Er starrt besonders konzentriert auf Türklingeln, steht besonders kerzengerade beim Aufs-Meer-Hinausschauen, und ab und zu breitet er die Schwingen aus, dreht eine Runde über den Corrib und lässt sich dann wieder auf einem der parkenden Autos nieder. Ich habe heute schon begeistertes "Heron"-Gequietsche in mindestens fünf Sprachen gehört, und mit einer Engelsgeduld alle Fragen der Touristen beantwortet. Nein, er beißt nicht. Nein, er frisst auch nicht, wenn man ihn füttert. Nein, die Möwen haben keine Angst vor ihm. Ja, er ist öfter da. Bertie ist der Name. Und ja, klar ist er auf facebook.

Es ist übrigens RAG Week. Again. Was für Leute wie mich bedeutet: Türen und Fenster vernageln, den Lieblingspubs für eine Woche ade sagen, und ein Navi anschaffen, um zwischen Glasscherben den Weg zur Uni zu finden. Leider führt das schöne Wetter dazu, dass die 24h-Saufgelage von diversen Pubs, Clubs und Wohnungen zum Spanish Arch, an den Corrib und auf den Long Walk verlagert wurden. Hätte ich jedesmal einen Cent bekommen, wenn ich heute im Laufe des Tages vor meinem Fenster Gegröle, "fuck", "bitch" oder das Geräusch splitternder Glasflaschen gehört habe, könnte ich mir eine Tankfüllung Heizöl leisten. Für die kommenden Wochen, denn das grausliche Wetter kommt bestimmt zurück.

Eine wichtige Ankündigung noch:
Ich möchte alle vorwarnen - ich werde nicht zögern, jeden Besoffenen, der es wagt, mit Glasflaschen nach Bertie zu werfen, im Corrib zu ertränken.

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That's me

Julia, 24, aus Wien. Von September 2008 bis Mai 2009 war ich als Erasmusstudentin in Galway, Irland, und habe begonnen, meine Erlebnisse an der Westküste Europas in diesem Blog aufzuschreiben. Nach einem Sommer in Österreich kehrte ich im September 2009 nach Galway zurück, um ein Masterstudium in "Literature and Publishing" zu absolvieren. Mittlerweile bin ich freie Journalistin und wieder Vollzeit-Österreicherin - und habe festgestellt: Auch dieses Land ist es wert, dass man sich darüber ab und zu ein bissl lustig macht. Dieser verantwortungsvollen Aufgabe nehme ich mich gerne an und heiße alle zu diesem Blog herzlich willkommen!

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