Status Update: Julia wants her facebook back.
Seit ich hier bin, habe ich noch nie allzu ärgstes Heimweh gehabt, oder das Gefühl, ganz allein in der Fremde zu sein, weit weg von all meinen Freunden und Familie völlig verloren im wochenlangen Dauerregen an der Atlantikküste zu hocken.
Das Internet macht's möglich. Und zwar genauer gesagt FACEBOOK.
Ich kann in Echtzeit mit meinen Freunden plaudern, egal, ob sie in Waidhofen in ihrem warmen Zimmerchen sitzen oder in Los Angeles gerade festgestellt haben, dass sogar in Kalifornien der Pazifik im November kalt ist. Fünf Minuten, nachdem sie die Zehen in den kalten Ozean getaucht haben, weiss ich es. Updates aus Kalifornien gibt's auch von Bekannten, die gerade ihr Auslandssemester in Berkeley machen, inklusive Fotos. Ohne facebook würde ich davon nichts mitkriegen. Ich bekomme Mitleidsbekundungen aus Heidelberg, weil ich die verdammte Kaution vom Studentenheim in Irland noch immer nicht zurückbekommen habe, und kann meinerseits (beinahe) kotzenden Kunstgeschichtestudentinnen in Wien "Gute Besserung" wünschen. (Gut, das habe ich nicht getan, sondern hämisch vom Thanksgiving-Turkey geredet. Aber theoretisch hätte ich können.) Weiters ist unser Studiengang recht erfolgreich darin, unser Publishing-Projekt, ein Literaturmagazin namens ROPES, über facebook zu promoten, was facebook für uns zu einem notwendigen Arbeitsmittel macht. (Besucht unsere ROPES-Facebookseite, by the way! Ich wünschte, ich könnte euch den Link hier posten, aber ich kann leider zur Zeit nicht auf facebook zugreifen.) Und nebenbei kann ich ganz wunderbar Sprachen lernen, weil man dank kreativen Übersetzern die facebook-Website in beinahe allen denkbaren Sprachen von Russisch über Latein bis zu Pirate Englisch benutzen kann. (Momentan habe ich die Seite auf "Latein" gestellt, was meine "Homepage" zu "domus" macht, und statt "write post" gibt es dann "sententiam scribere", Nachrichten heissen "epistulae" und so weiter... Wunderbar. So leicht trainiert man selten lateinische Alltagsvokabel.)
Facebook trägt also überraschend viel dazu bei, dass man sich auch drei Flugstunden von zu Hause entfernt nie so fühlt, als wäre man weit weg. BIS JETZT.
Denn da viele irische Studenten schlicht und einfach zu blöd sind, ein bisschen auf andere Rücksicht zu nehmen, und stundenlang auf facebook herumgurken und depperte Spiele spielen, auch wenn hinter ihnen zehn andere Leute auf einen Computer warten, wurde an allen Unicomputern facebook nun gesperrt. Und da mein Laptop (noch immer) kaputt ist, bedeutet das, kein facebook für mich.
Seit mein Laptop hin ist, sitze ich stundenlang auf der Uni und schreibe Essays, alleine in einem fensterlosen, winzigen Raum mit fünf Computern, der sich "Postgrad PC Suite" nennt. Und wenn man in einer solchen Umgebung über Themen wie "Publishing Law" schreibt, ist es schwer, nicht völlig verrückt zu werden, wenn man daneben nicht via facebook zumindest einen gewissen Kontakt zur Aussenwelt aufrechterhalten kann. Und nebenbei, wie viele wirklich gute Ideen für Essays ich schon im facebook-chat mit meiner Freundin Isa entwickelt und diskutiert habe, kann ich gar nicht mehr zählen.
Und was mach ich jetzt? Keiner meiner Freunde kann es sich leisten, mich hier für längere Plaudereien oder auch nur ein kurzes, sinnloses "Hallo!", anzurufen, geschweige denn für noch längere Diskussionen über ethisch bedenkliche privacy laws in England. E-mails sind umständlich. ICQ und diverse Messenger kann ich hier nicht runterladen. Auf anderen Seiten ausser facebook trifft man normalerweise niemanden an. Mal ehrlich, wer verwendet noch den Plauderkasten im studivz? (Abgesehen davon spinnt der noch öfter als der Chat auf facebook.)
In meiner Postgrad PC Suite ist IMMER ein Computer frei. Ich blockiere also rein gar nichts, wenn ich auf facebook bin. Und wenn tatsächlich einmal jemand auf einen freien PC warten würde, dann bin ich so anständig, nicht meine Zeit auf facebook zu vertrödeln.
Aber anscheinend sind viele irische Studenten nicht vernünftig genug für ein bisschen Rücksichtnahme und Denken ausserhalb ihres eigenen kleinen Hirnkastls, und anscheinend fällt der Uni keine bessere Massnahme zur sozialen Erziehung ihrer Studenten ein, als die Seite einfach zu sperren. Ja, ich verstehe, dass einige irische Studenten geistig noch ein bisschen zu jung sind, um zu erkennen, dass es nicht okay ist, wenn man Zeit auf facebook verschwendet, während andere zu Studienzwecken dringend an den Computer müssen. Aber wir sind hier trotzdem auf der Universität, und nicht im Kindergarten! Die Universität soll bilden, und wenn ein Defizit an sozialer Verhaltenskompetenz bei den Studenten erkannt wird, dann ist es ein Fall von Faulheit und völlig dämlich, darauf mit dem Kindergartenmodell "ich tu dir das jetzt verbieten!" zu reagieren. Glaubt ihr Heinis wirklich, dass besagte Studenten aus dem facebook-Verbot etwas lernen? Dass sie plötzlich die Erleuchtung haben "Oh, stimmt, da habe ich mich falsch verhalten und werde mich in Zukunft bessern"? Im besten Fall werden sie lernen, wie man die Blockade umgeht, was immerhin noch einen gewissen Wert an Computerkompetenzerwerb hat. Im wahrscheinlichsten Fall werden sie einfach auf andere Seiten ausweichen, um Spiele zu spielen.
Die etwas weniger faule, aber dafür dem Universitätsumfeld angemessenere Variante wäre gewesen, sich mit einer Nachricht an die Studenten zu wenden, ihnen das Problem zu erklären und an ihre Vernunft zu appellieren. Optimistisch wie ich bin, bin ich sicher, dass das sogar in die Hirne gewisser siebzehnjähriger, frisch aus der Volksschule kommender Studentchen irgendwie reingegangen wäre.
Wenn das nichts hilft, dann sperrt von mir aus facebook - und macht euch Sorgen um den Zustand eures Akademikernachwuchses.
Das Internet macht's möglich. Und zwar genauer gesagt FACEBOOK.
Ich kann in Echtzeit mit meinen Freunden plaudern, egal, ob sie in Waidhofen in ihrem warmen Zimmerchen sitzen oder in Los Angeles gerade festgestellt haben, dass sogar in Kalifornien der Pazifik im November kalt ist. Fünf Minuten, nachdem sie die Zehen in den kalten Ozean getaucht haben, weiss ich es. Updates aus Kalifornien gibt's auch von Bekannten, die gerade ihr Auslandssemester in Berkeley machen, inklusive Fotos. Ohne facebook würde ich davon nichts mitkriegen. Ich bekomme Mitleidsbekundungen aus Heidelberg, weil ich die verdammte Kaution vom Studentenheim in Irland noch immer nicht zurückbekommen habe, und kann meinerseits (beinahe) kotzenden Kunstgeschichtestudentinnen in Wien "Gute Besserung" wünschen. (Gut, das habe ich nicht getan, sondern hämisch vom Thanksgiving-Turkey geredet. Aber theoretisch hätte ich können.) Weiters ist unser Studiengang recht erfolgreich darin, unser Publishing-Projekt, ein Literaturmagazin namens ROPES, über facebook zu promoten, was facebook für uns zu einem notwendigen Arbeitsmittel macht. (Besucht unsere ROPES-Facebookseite, by the way! Ich wünschte, ich könnte euch den Link hier posten, aber ich kann leider zur Zeit nicht auf facebook zugreifen.) Und nebenbei kann ich ganz wunderbar Sprachen lernen, weil man dank kreativen Übersetzern die facebook-Website in beinahe allen denkbaren Sprachen von Russisch über Latein bis zu Pirate Englisch benutzen kann. (Momentan habe ich die Seite auf "Latein" gestellt, was meine "Homepage" zu "domus" macht, und statt "write post" gibt es dann "sententiam scribere", Nachrichten heissen "epistulae" und so weiter... Wunderbar. So leicht trainiert man selten lateinische Alltagsvokabel.)
Facebook trägt also überraschend viel dazu bei, dass man sich auch drei Flugstunden von zu Hause entfernt nie so fühlt, als wäre man weit weg. BIS JETZT.
Denn da viele irische Studenten schlicht und einfach zu blöd sind, ein bisschen auf andere Rücksicht zu nehmen, und stundenlang auf facebook herumgurken und depperte Spiele spielen, auch wenn hinter ihnen zehn andere Leute auf einen Computer warten, wurde an allen Unicomputern facebook nun gesperrt. Und da mein Laptop (noch immer) kaputt ist, bedeutet das, kein facebook für mich.
Seit mein Laptop hin ist, sitze ich stundenlang auf der Uni und schreibe Essays, alleine in einem fensterlosen, winzigen Raum mit fünf Computern, der sich "Postgrad PC Suite" nennt. Und wenn man in einer solchen Umgebung über Themen wie "Publishing Law" schreibt, ist es schwer, nicht völlig verrückt zu werden, wenn man daneben nicht via facebook zumindest einen gewissen Kontakt zur Aussenwelt aufrechterhalten kann. Und nebenbei, wie viele wirklich gute Ideen für Essays ich schon im facebook-chat mit meiner Freundin Isa entwickelt und diskutiert habe, kann ich gar nicht mehr zählen.
Und was mach ich jetzt? Keiner meiner Freunde kann es sich leisten, mich hier für längere Plaudereien oder auch nur ein kurzes, sinnloses "Hallo!", anzurufen, geschweige denn für noch längere Diskussionen über ethisch bedenkliche privacy laws in England. E-mails sind umständlich. ICQ und diverse Messenger kann ich hier nicht runterladen. Auf anderen Seiten ausser facebook trifft man normalerweise niemanden an. Mal ehrlich, wer verwendet noch den Plauderkasten im studivz? (Abgesehen davon spinnt der noch öfter als der Chat auf facebook.)
In meiner Postgrad PC Suite ist IMMER ein Computer frei. Ich blockiere also rein gar nichts, wenn ich auf facebook bin. Und wenn tatsächlich einmal jemand auf einen freien PC warten würde, dann bin ich so anständig, nicht meine Zeit auf facebook zu vertrödeln.
Aber anscheinend sind viele irische Studenten nicht vernünftig genug für ein bisschen Rücksichtnahme und Denken ausserhalb ihres eigenen kleinen Hirnkastls, und anscheinend fällt der Uni keine bessere Massnahme zur sozialen Erziehung ihrer Studenten ein, als die Seite einfach zu sperren. Ja, ich verstehe, dass einige irische Studenten geistig noch ein bisschen zu jung sind, um zu erkennen, dass es nicht okay ist, wenn man Zeit auf facebook verschwendet, während andere zu Studienzwecken dringend an den Computer müssen. Aber wir sind hier trotzdem auf der Universität, und nicht im Kindergarten! Die Universität soll bilden, und wenn ein Defizit an sozialer Verhaltenskompetenz bei den Studenten erkannt wird, dann ist es ein Fall von Faulheit und völlig dämlich, darauf mit dem Kindergartenmodell "ich tu dir das jetzt verbieten!" zu reagieren. Glaubt ihr Heinis wirklich, dass besagte Studenten aus dem facebook-Verbot etwas lernen? Dass sie plötzlich die Erleuchtung haben "Oh, stimmt, da habe ich mich falsch verhalten und werde mich in Zukunft bessern"? Im besten Fall werden sie lernen, wie man die Blockade umgeht, was immerhin noch einen gewissen Wert an Computerkompetenzerwerb hat. Im wahrscheinlichsten Fall werden sie einfach auf andere Seiten ausweichen, um Spiele zu spielen.
Die etwas weniger faule, aber dafür dem Universitätsumfeld angemessenere Variante wäre gewesen, sich mit einer Nachricht an die Studenten zu wenden, ihnen das Problem zu erklären und an ihre Vernunft zu appellieren. Optimistisch wie ich bin, bin ich sicher, dass das sogar in die Hirne gewisser siebzehnjähriger, frisch aus der Volksschule kommender Studentchen irgendwie reingegangen wäre.
Wenn das nichts hilft, dann sperrt von mir aus facebook - und macht euch Sorgen um den Zustand eures Akademikernachwuchses.
juliecaesar - 27. Nov, 15:30
